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Die neue Erziehungsphilosophie
mit dem Futterbeutel
Natural Dogmanship ist eine Erziehungsphilosophie, die der Holländer Jan Nijboer erfunden
hat («Tierwelt» Nr. 28/2002). Seine Methode hat sich bei
der Ausbildung von Blindenführhunden in Deutschland bestens bewährt,
weshalb sie der Hundeerziehungsberater für Familienhunde weiter
entwickelt hat. Hundefachfrau Evelyn Streiff hat Jan Nijboer nicht
nur für ein Basisseminar in die Schweiz geholt, sie bietet diese
Kurse auch selbst an.
Evelyn Streiff
(47) fuhr zehn Jahre lang Autorennen und wurde 1998 als erste Frau
Schweizer Meisterin in der Kategorie Serientourenwagen. Danach machte
sie ihr zweites Hobby zum Beruf, und längst steht ihr Name in der
Hundefachwelt für Qualität. Aufgewachsen mit Hunden, 20 Jahre mit
den eigenen Hunden auf dem Übungsplatz (bis Schutzhund 3), Übungsleiterin,
tierpsychologische Beraterin und seit kurzem Certodog-zertifizierte
Hundeinstruktorin, hat sich Evelyn Streiff noch einen ganz speziellen
Wunsch erfüllt: Gemeinsam mit ihrem Berufspartner Franz Landolt
eröffnete sie vor gut zwei Jahren das Triple-S-Hundeparadies in
Eptingen BL. In diesem Ferienparadies finden Hundehalter alles rund
um den Hund: Ferien für den Hund, Ferien mit dem Hund, Kurse, Seminare,
Privatlektionen, Restaurant und Gästezimmer.
Frau Streiff, Sie sind ganz schön auf den Hund
gekommen!
Das kann man so sagen. Mein Hauptmotiv ist es, dem
Hund zu helfen, damit ihn sein Halter versteht.
Das von Jan Nijboer konzipierte Natural Dogmanship
bieten Sie selbst an Wochenendkursen an. Wie sind Sie auf diese
Erziehungsmethode gestossen?
Die Ausbildung, die ich bei Jan genossen habe, hat
mich überzeugt. Ziel seiner Philosophie ist es, den Hund selbst
entscheiden zu lassen, was gut für ihn ist. Dies natürlich innerhalb
der vom Halter abgesteckten Grenzen. Ich habe diese Methode übernommen,
und da die Bezeichnung Natural Dogmanship geschützt ist, heisst
es bei mir Natural Dog Communication. Ohne eine funktionierende
Kommunikation zwischen Hund und Halter läuft gar nichts. Seit
Anfang dieses Jahres biete ich Wochenendkurse an.
Die Philosophie basiert auf einem Futterbeutel, also einem
mit Futter gefüllten Sack. Können Sie mir das näher erklären?
Der Futterbeutel ist eigentlich eine Futterbeute. Man benutzt
den Jagdtrieb des Hundes für die Erziehung, die Futterbeute ist
Mittel zu diesem Zweck. Normalerweise wird der Hund zweimal pro
Tag gefüttert. Also bereite ich zwei Rationen vor, die er sich
jeweils verdienen muss. Zum Verpacken eignet sich eigentlich alles,
selbst Feuchtfutter oder Teigwaren lassen sich im Sack einwickeln.
Begonnen wird mit einfachen Übungen in der nahen Umgebung gekoppelt
mit Anweisungen wie beispielsweise das Apportieren der Futterbeute.
Hat er das kapiert, wird es schwieriger. Das Apportieren wird
erweitert, indem die Beute versteckt wird. Oder der Hund muss
eine Agilityrunde absolvieren, danach gibts das Fressen. Der gemeinsame
Spaziergang wird also zum gemeinsamen «Jagen», das man als den
Weg zur Beute bezeichnen kann. Im fortgeschrittenen Teil kommt
die Distanzkontrolle zum Tragen. Das bedeu- tet, dass sämtliche
Aktionen und Interessen des Hundes über den Halter geleitet werden.
Der Hund muss den Chef also erst «um Erlaubnis fragen», bevor
er in irgendeiner Form aktiv werden will.
Ist die Methode für alle Hunderassen und -typen
geeignet?
Ja, am besten beginnt man mit dem Aufbau schon beim
Welpen, aber auch ältere Hunde lernen das noch.
Was ist mit jenen Hunden, die sich fürs Fressen nicht gross
interessieren?
Das klappt auch hier, vielleicht dauerts etwas länger.
Schliesslich gehört die Nahrungsbeschaffung zu den Grundbedürfnissen
eines jeden Hundes. Mit Geduld kann man auch solchen Vierbeinern
die Futterbeute schmackhaft machen. Bei Hunden, die über einen
wenig ausgeprägten Jagdtrieb verfügen, kommt man übers Apportieren
ebenfalls zum Ziel.
Wird mit dieser Methode nicht der Jagdtrieb
allgemein gefördert?
Nein, im Gegenteil, er wird umgeleitet und ist erst
noch kontrollierbar. Es ist eine Ersatzhandlung fürs Jagen, die
kanalisiert wird. Ein Hund beispielsweise, der gerne Löcher buddelt,
darf seinen Futterbeutel ausgraben. So werden die spezifischen
Bedürfnisse unter unserer Kontrolle befriedigt. Es ist ein Grundprinzip
dieser Methode, dass die Tiere einen Sinn in dieser Beschäftigung
sehen können, was wiederum ihre Intelligenz fördert.
Es gibt Hundetrainer, die bewusst auf jede Futterbelohnung verzichten.
Sie wollen, dass der Hund sie ihretwillen und nicht des Futters
wegen «liebt» oder als Chef akzeptiert.
Das sehe ich anders: Mein Hund liebt mich so gesehen doppelt,
da ich klar der Rudelchef und zudem noch der «Dosenöffner» bin,
der die Fütterung zu einer spannenden Sache gestaltet.
Natural Dogmanship ist demnach eine alle Bereiche
umfassende Erziehungsmethode für den Hund?
Ja, so kann man es sagen.
Wie sieht das bei Verhaltenskorrekturen aus?
Beispielsweise bei einem Vierbeiner, der Artgenossen gegenüber
aggressiv reagiert?
Voraussetzung ist, dass der Hund seine Aufgabe bei
dieser Art von Fütterung verstanden hat. Dann lasse ich ihn selbst
entscheiden. Dem aggressiven Hund etwa muss klar gemacht werden,
dass eine Auseinandersetzung mit einem Artgenossen grundsätzlich
sinnlos ist, sofern es nicht um den Schutz des Territoriums oder
um die Verteidigung einer Ressource (Knochen oder Ähnliches) geht.
Vielmehr ist das Heimtragen der mit Aufwand eroberten Futterbeute
wichtiger. Dabei werden auch rassespezifische Eigenschaften berücksichtigt.
Christine Naef
Informationen und Anmeldungen über Telefon 062 299 20 73, Fax
062 299 20 83.
E-Mail: evelyn@triple-s.ch. Hier erfahren Sie auch alles über
die weiteren Natural-Dog-Communications-Wochenendkurse unter Leitung
von E. Streiff.
Tierwelt, Nr. 31, 2. August 2002 |
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