Tierwelt -Nr.31 2.August 2002
 
 
Die neue Erziehungsphilosophie mit dem Futterbeutel

Natural Dogmanship ist eine Erziehungsphilosophie, die der Holländer Jan Nijboer erfunden hat («Tierwelt» Nr. 28/2002). Seine Methode hat sich bei der Ausbildung von Blindenführhunden in Deutschland bestens bewährt, weshalb sie der Hundeerziehungsberater für Familienhunde weiter entwickelt hat. Hundefachfrau Evelyn Streiff hat Jan Nijboer nicht nur für ein Basisseminar in die Schweiz geholt, sie bietet diese Kurse auch selbst an.

Evelyn Streiff (47) fuhr zehn Jahre lang Autorennen und wurde 1998 als erste Frau Schweizer Meisterin in der Kategorie Serientourenwagen. Danach machte sie ihr zweites Hobby zum Beruf, und längst steht ihr Name in der Hundefachwelt für Qualität. Aufgewachsen mit Hunden, 20 Jahre mit den eigenen Hunden auf dem Übungsplatz (bis Schutzhund 3), Übungsleiterin, tierpsychologische Beraterin und seit kurzem Certodog-zertifizierte Hundeinstruktorin, hat sich Evelyn Streiff noch einen ganz speziellen Wunsch erfüllt: Gemeinsam mit ihrem Berufspartner Franz Landolt eröffnete sie vor gut zwei Jahren das Triple-S-Hundeparadies in Eptingen BL. In diesem Ferienparadies finden Hundehalter alles rund um den Hund: Ferien für den Hund, Ferien mit dem Hund, Kurse, Seminare, Privatlektionen, Restaurant und Gästezimmer.

Frau Streiff, Sie sind ganz schön auf den Hund gekommen!
Das kann man so sagen. Mein Hauptmotiv ist es, dem Hund zu helfen, damit ihn sein Halter versteht.

Das von Jan Nijboer konzipierte Natural Dogmanship bieten Sie selbst an Wochenendkursen an. Wie sind Sie auf diese Erziehungsmethode gestossen?
Die Ausbildung, die ich bei Jan genossen habe, hat mich überzeugt. Ziel seiner Philosophie ist es, den Hund selbst entscheiden zu lassen, was gut für ihn ist. Dies natürlich innerhalb der vom Halter abgesteckten Grenzen. Ich habe diese Methode übernommen, und da die Bezeichnung Natural Dogmanship geschützt ist, heisst es bei mir Natural Dog Communication. Ohne eine funktionierende Kommunikation zwischen Hund und Halter läuft gar nichts. Seit Anfang dieses Jahres biete ich Wochenendkurse an.

Die Philosophie basiert auf einem Futterbeutel, also einem mit Futter gefüllten Sack. Können Sie mir das näher erklären?
Der Futterbeutel ist eigentlich eine Futterbeute. Man benutzt den Jagdtrieb des Hundes für die Erziehung, die Futterbeute ist Mittel zu diesem Zweck. Normalerweise wird der Hund zweimal pro Tag gefüttert. Also bereite ich zwei Rationen vor, die er sich jeweils verdienen muss. Zum Verpacken eignet sich eigentlich alles, selbst Feuchtfutter oder Teigwaren lassen sich im Sack einwickeln. Begonnen wird mit einfachen Übungen in der nahen Umgebung gekoppelt mit Anweisungen wie beispielsweise das Apportieren der Futterbeute. Hat er das kapiert, wird es schwieriger. Das Apportieren wird erweitert, indem die Beute versteckt wird. Oder der Hund muss eine Agilityrunde absolvieren, danach gibts das Fressen. Der gemeinsame Spaziergang wird also zum gemeinsamen «Jagen», das man als den Weg zur Beute bezeichnen kann. Im fortgeschrittenen Teil kommt die Distanzkontrolle zum Tragen. Das bedeu- tet, dass sämtliche Aktionen und Interessen des Hundes über den Halter geleitet werden. Der Hund muss den Chef also erst «um Erlaubnis fragen», bevor er in irgendeiner Form aktiv werden will.

Ist die Methode für alle Hunderassen und -typen geeignet?
Ja, am besten beginnt man mit dem Aufbau schon beim Welpen, aber auch ältere Hunde lernen das noch.

Was ist mit jenen Hunden, die sich fürs Fressen nicht gross interessieren?
Das klappt auch hier, vielleicht dauerts etwas länger. Schliesslich gehört die Nahrungsbeschaffung zu den Grundbedürfnissen eines jeden Hundes. Mit Geduld kann man auch solchen Vierbeinern die Futterbeute schmackhaft machen. Bei Hunden, die über einen wenig ausgeprägten Jagdtrieb verfügen, kommt man übers Apportieren ebenfalls zum Ziel.

Wird mit dieser Methode nicht der Jagdtrieb allgemein gefördert?
Nein, im Gegenteil, er wird umgeleitet und ist erst noch kontrollierbar. Es ist eine Ersatzhandlung fürs Jagen, die kanalisiert wird. Ein Hund beispielsweise, der gerne Löcher buddelt, darf seinen Futterbeutel ausgraben. So werden die spezifischen Bedürfnisse unter unserer Kontrolle befriedigt. Es ist ein Grundprinzip dieser Methode, dass die Tiere einen Sinn in dieser Beschäftigung sehen können, was wiederum ihre Intelligenz fördert.
Es gibt Hundetrainer, die bewusst auf jede Futterbelohnung verzichten. Sie wollen, dass der Hund sie ihretwillen und nicht des Futters wegen «liebt» oder als Chef akzeptiert.
Das sehe ich anders: Mein Hund liebt mich so gesehen doppelt, da ich klar der Rudelchef und zudem noch der «Dosenöffner» bin, der die Fütterung zu einer spannenden Sache gestaltet.

Natural Dogmanship ist demnach eine alle Bereiche umfassende Erziehungsmethode für den Hund?
Ja, so kann man es sagen.

Wie sieht das bei Verhaltenskorrekturen aus? Beispielsweise bei einem Vierbeiner, der Artgenossen gegenüber aggressiv reagiert?
Voraussetzung ist, dass der Hund seine Aufgabe bei dieser Art von Fütterung verstanden hat. Dann lasse ich ihn selbst entscheiden. Dem aggressiven Hund etwa muss klar gemacht werden, dass eine Auseinandersetzung mit einem Artgenossen grundsätzlich sinnlos ist, sofern es nicht um den Schutz des Territoriums oder um die Verteidigung einer Ressource (Knochen oder Ähnliches) geht. Vielmehr ist das Heimtragen der mit Aufwand eroberten Futterbeute wichtiger. Dabei werden auch rassespezifische Eigenschaften berücksichtigt.

Christine Naef

Informationen und Anmeldungen über Telefon 062 299 20 73, Fax 062 299 20 83.

E-Mail: evelyn@triple-s.ch. Hier erfahren Sie auch alles über die weiteren Natural-Dog-Communications-Wochenendkurse unter Leitung von E. Streiff.

Tierwelt, Nr. 31, 2. August 2002